Warum sie mich inspiriert

Ich habe Hilda durch meine Arbeit im Projektfinanzbereich einer Frauenrechtsorganisation kennengelernt, die in Kriegs- und Krisengebieten Frauen unterstützt, welche sexualisierte Gewalt erfahren und überlebt haben. Hilda hat eine ugandische Frauenrechtsorganisation namens MEMPROW gegründet, mit der meine Organisation zusammenarbeitete. Sie kam für ein Training in feministischer Führungskultur nach Deutschland und ich war sofort mega beeindruckt von ihrer leidenschaftlich und bestimmten Sicht auf die Dinge sowie der gleichzeitigen Sanftheit, fast schon Güte, mit der sie dieses Thema in die Welt bringt. In der kurzen Einführung, in der sie sich selbst vorstellte, lernte ich Lektionen, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind, die mein Verständnis von Feminismus und feministischer Führungskultur geprägt haben und die ich versuche bestmöglich zu verfolgen.

Obwohl sie sich selbst als „Feministin, kein Wenn und Aber“ sieht, erklärte sie, dass sie niemals mit Menschen, die sie nicht gut kenne, über „Feminismus“ oder „das Patriarchat“ sprechen würde, ohne vorher zu erklären, was sie damit meine; ganz besonders wenn sie möchte, dass man ihr zuhört. Denn a) gehen die Menschen dann oft sofort in die Defensive, weil sie sich bedroht oder angegriffen fühlen und b) ist die Situation viel komplizierter als diese beiden Begriffe es je beschreiben könnten.
Das ist definitiv eine Lektion, die ich noch mehr in mein Leben und meine Sprache integrieren darf ;-)

Am meisten beeindruckt hat mich jedoch dieser Teil ihrer Rede:

„Sei wütend, aber handle nicht wütend!“

Wenn du wütend, erregt, hysterisch sprichst (und ich weiß, dass dieses Wort vielfach genutzt worden ist, um Frauen herabzusetzen) oder dich versteifst, werden die Menschen keine Lust haben dir zuzuhören, deinen Standpunkt nachzuvollziehen und zu verstehen, geschweige denn darüber nachdenken, ob und wie es vielleicht auf sie selbst zutreffen könnte. Wenn du von diesem Ort der offenen Wut kommst, werden die Menschen meistens das, was du sagst (auch wenn es total Sinn ergibt) als Angriff werten, als Bedrohung, und sich innerlich bereitmachen sich entweder zu verteidigen oder (verbal) „zurückzuschlagen“. Daraus kann kein echtes, fruchtbares Gespräch auf Augenhöhe entstehen.
Hildas Rat: Nutze Humor, wenn du kannst, denn das entspannt die Situation. Es gilt in diesem Fall ruhig zu bleiben und einige gezielte Fragen zu stellen, die sie dazu bringen sich selbst und ihr Verhalten zu reflektieren und vielleicht, nur vielleicht, sie sogar dazu zu bewegen ihre Einstellungen und Handlungen zu überdenken oder sogar zu verändern.

5 Fragen an Hilda

Wie sah dein bisheriger Weg aus?

Ich könnte meinen Weg wohl in mehrere Phasen unterteilen:
Phase 1 könnte heißen „Aufwachsen und Ziele setzen“. Mein Ziel war es, eine gute Schülerin zu sein; besonders als ich auf die weiterführende Schule ging, sah ich es als die Vorbereitung für ein unabhängiges Leben. Zur Zeit meiner frühen Schulbildung in den 50er und 60er Jahren, wurdest du sofort verheiratet, wenn du in der Schule durchfielst. Mein Lerneifer wurde von meinen Eltern vorangetrieben, die daran glaubten, dass selbst Mädchen es verdient hatten ein unabhängiges Leben zu haben. So war diese Phase bis zum Studium an der Universität von meinem Ehrgeiz angetrieben, meine Eltern stolz zu machen.
Ein überragender Abschluss an der Makerere Universität mit dem ersten „First Class Degree“ in Soziologie meiner Universität, dann ein zweiter Abschluss an der Cambridge University in England und dann meine Promotion an der Minnesota University in den USA besiegelten diese erste Phase meines Lebens und waren gleichzeitig der Auftakt zur zweiten Phase meines Wegs.

Dies war die Phase einer großartigen Karriere, angefangen als Hochschullehrerin und Trainerin in Organisationsmanagement auf der regionalen Ebene in Ostafrika und dem südlichen Afrika, bis zu meinem Ruhestand nach Tätigkeit auf kontinentaler Ebene Afrikas. All das wurde durch eine hervorragende Ausbildung gefördert und vorangebracht, während der ich mich auf Genderstudien spezialisierte, in der Zeit der frühen 1980er Jahre, als es noch nicht viele Menschen gab, die auf diesem Gebiet arbeiteten. Meine Karriere war mit einem tollen Familienleben verwoben, in dem mein Mann und ich gleichberechtige/-wertige Partner waren, mit den gemeinsamen feministischen Grundwerten der eigenen/eigenverantwortlichen Handlungsfähigkeit, eigenen Stimme und Mitsprache sowie Unabhängigkeit.

Was begeistert dich, wofür brennst du?

Ich setze mich leidenschaftlich für das Recht von Mädchen und Frauen auf ein unabhängiges Leben ein, und jedes Mal, wenn ich eine Frau treffe oder unterstütze, die eine Stimme hat und etwas bewegen kann, habe ich das Gefühl, dass die Welt ein großartiger Ort ist.

Auf welche Art und Weise versuchst du, etwas zu verändern?

Ich habe den Großteil meines feministischen Weges mit Frauen und Mädchen gearbeitet; sie ermutigt die beste Version ihrer selbst zu sein und sich nicht damit zufrieden zu geben, was andere Menschen meinen, was und wie sie sein sollten. Ich habe in diesem Bereich nicht alleine gearbeitet, sondern auch institutionelle Mechanismen eingerichtet, um Frauenrechte und die Ermächtigung von Mädchen und jungen Frauen zu fördern. In Uganda habe ich zwei Organisationen gegründet: Eine 1985, um Frauenrechte voranzubringen, und eine zweite 2007, mit einem Mentor*innenprogramm für Mädchen und junge Frauen für ein unabhängiges Leben. Beide Organisationen sind auch heute noch aktiv und stark. Ich habe früh von meiner Mutter gelernt, dass du nichts im großen Stil verändern kannst, wenn du alleine arbeitest.

Auf meinem Weg habe ich auch gelernt, dass es da draußen viele Frauen gibt, die Großartiges leisten, fast alles dafür geben, um andere Frauen zu versorgen und aufzubauen – doch sie oder ihre Organisationen haben keinen Zugang zu Ressourcen. In 2001 habe ich mit zwei anderen Frauen beschlossen eine Organisation zu gründen, die diesen Frauen Zugang zu Ressourcen ermöglicht. Ich glaube, dass ich durch den African Women’s Development Fund, einer dynamische Organisation, die Spenden sammelt und Zuschüsse vergibt, auch auf kontinentaler Ebene Afrikas etwas bewirken kann.

Was war die größte Lektion, die du in deinem Leben lernen durftest?

Ich habe gelernt, dass harte Arbeit, Beständigkeit und Vertrauensaufbau mit Menschen sich auszahlen.

Was ist deine Botschaft an alle da draußen?

Am Ende sind wir alle menschliche Wesen, nicht gleichwertiger/-berechtigter oder weniger gleichwertig/-berechtigt als andere.