Was hinter einem Namen steckt

Ehrlich gesagt kam mir der Name eines Tages einfach in den Sinn als ich gerade dabei war unsere Wohnung zu staubsaugen… ich hatte mich vorher nie wirklich mit dem Begriff Feministin identifiziert. Ja, ich arbeite für eine feministische Frauenrechtsorganisation und ich glaube an die Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aller Menschen, aber eine Feministin? Dieses Wort ist einfach so stigmatisiert und ich wollte nicht von Leuten in eine Schublade gesteckt werden. Doch dann dachte ich „Tja, die Leute werden mich so oder so in Schubladen stecken und im Feminismus finde ich mich zumindest in vielen Bereichen wieder – ich muss vielleicht nur etwas Aufklärungsarbeit betreiben, was Feminismus eigentlich alles so ausmacht.“ Und bezeichne ich mich nun also als „spirituelle Feministin“.

Als großer Wort- und Sprachfan (und weil ich Sternzeichen Skorpion bin) liebe ich es, den Dingen auf den Grund zu gehen. Daher möchte ich zuerst einen Blick auf die allgemeine Definition von „Feminismus“ werfen:

„Feminismus ist ein Oberbegriff für gesellschaftliche, politische und akademische Strömungen und soziale Bewegungen, die darauf abzielen politische, wirtschaftliche, persönliche und soziale Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu definieren, aufzubauen und zu erreichen. Feminismus vertritt die Position, dass die Gesellschaft der männlichen Sichtweise Vorrang einräumt und [besonders] Frauen in solchen Gesellschaften ungerecht behandelt werden. Bemühungen etwas daran zu ändern konzentrieren sich unter anderem auf die Bekämpfung von Geschlechterstereotypen und das Bestreben, Bildungs- und Berufschancen für Frauen zu schaffen, die denen der Männer gleichwertig sind. […] einige Feministen/Feministinnen beziehen auch die Befreiung von Männern in ihre Ziele mit ein, weil sie glauben, dass auch Männer unter traditionellen Geschlechterrollen leiden. Zahlreiche feministische Bewegungen und Ideologien haben sich im Laufe der Jahre entwickelt und vertreten unterschiedliche Standpunkte und Ziele.“ (Aus dem Englischen übersetzt, Wikipedia)

Das Erste, was ich hier herausstellen möchte, ist, dass es DEN EINEN Feminismus nicht gibt. Feminismus ist eher ein Oberbegriff, der eine Vielzahl an gesellschaftlichen, politischen, sozialen und akademischen Bewegungen beschreibt. Wenn man sich den kleinsten gemeinsamen Nenner anschaut, geht es im Feminismus um Gleichberechtigung – gleiche Rechte zwischen den Geschlechtern, oder etwas weiter gefasst, Gleichberechtigung für alle Menschen auf diesem Planeten, ungeachtet ihres biologischen oder sozialen Geschlechts.

Es geht NICHT darum, Männer zu hassen oder sie herabzusetzen und schon gar nicht um die Weltherrschaft von Frauen. Je nach Fokus der verschiedenen feministischen Strömungen, weisen sie sogar explizit darauf hin, dass auch Männer unter den aktuellen politischen und sozialen Strukturen leiden, ganz genauso wie Frauen.

Nun können wir einen Blick auf den anderen Teil des Namens werfen, Spiritualität:

„Der Begriff bezeichnete im frühen Christentum ein Leben, das sich am Heiligen Geist orientierte und wurde im Spätmittelalter ausgedehnt, sodass er auch die geistigen Aspekte des Lebens umfasste.  […] Der moderne Sprachgebrauch neigt dazu, sich auf eine subjektive Erfahrung einer heiligen Dimension und der „tiefsten Werte und Bedeutungen, an denen Menschen sich orientieren“ zu beziehen, oft in einem Kontext, der von organisierten religiösen Institutionen getrennt ist, wie z.B. der Glaube an ein übernatürliches (jenseits des Bekannten und Beobachtbaren) Reich, persönliches Wachstum, die Suche nach einem (heiligen) Sinn, religiöse Erfahrung oder die Begegnung mit der eigenen „inneren Dimension“. […] Die säkulare Spiritualität betont humanistische Vorstellungen über den moralischen Charakter (Eigenschaften wie Liebe, Mitgefühl, Geduld, Toleranz, Vergebung, Zufriedenheit, Verantwortung, Harmonie und Sorge um andere). (Aus dem Englischen übersetzt, Wikipedia)

Auch Spiritualität hat also für unterschiedliche Menschen eine unterschiedliche Bedeutung, doch den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden stellt sich hier als deutlich schwieriger heraus. Ich denke es reicht zu sagen, dass Spiritualität eine zutiefst persönliche und subjektive Erfahrung ist, bei der man mit sich selbst in Kontakt kommt.

Was es für mich bedeutet eine spirituelle Feministin zu sein

Spiritualität bedeutet für mich, tief mit mir selbst und mit dem gegenwärtigen Moment verbunden zu sein – und dadurch auch mit allen und allem anderen in diesem Universum. Ich sehe meinen spirituellen Weg als ein stetiges Erinnern dieser tiefen Verbindung zu mir selbst und ein lebenslanges Lernen, wie ich diese Verbindung jeden Tag in jedem Teil meines Lebens finden und aufrechterhalten kann (und ich sage weder, dass das einfach ist, noch dass ich es immer schaffe ;-) ).

Ich habe mich einer Spiritualität verschrieben, die tief in meinem täglichen Leben verwurzelt ist. Für mich ist sie nichts, was ich nur auf der Yogamatte oder auf meinem Meditationskissen oder während eines Rituals praktiziere und dann bis zum nächsten Mal vergesse. Doch das sind eben die Zeiten und Orte, an denen ich lerne diese tiefe Verbindung aufzubauen, um dann zu versuchen, sie in meinen Alltag zu integrieren. Meine Spiritualität ist eine Art Haltung, die ich täglich einzunehmen und zu verkörpern versuche. Und ich gebe zu, dass das oft nicht so klappt, wie ich mir das vorstelle. Dann bemerke ich abends, dass ich die Verbindung schon in dem Moment verloren habe, als ich von der Matte kam und mich beeilen musste unter die Dusche zu springen, mich fertig zu machen und meinen Zug zur Arbeit rechtzeitig zu erwischen. Aber es ist ein kontinuierlicher Prozess mich immer und immer wieder daran zu erinnern wie ich mein Leben eigentlich leben, an welchen Werte ich mich ausrichten möchte und mir meine Mission wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Und diese (meine) Wahrnehmung von Spiritualität fließt mit in mein Verständnis von Feminismus ein. In der Art Feminismus, die ich in meinem Leben und meiner Arbeit vertrete, geht es im Prinzip darum die weiblichen Qualitäten und die weiblichen Energien in dieser Welt, in uns allen wertzuschätzen und zu fördern, ganz egal welches biologische oder soziale Geschlecht, welches Alter, welche Hautfarbe, welche Vorlieben oder andere Charakteristika wir haben. Denn ich spüre, dass wir alle miteinander verbunden sind, alle eins. Wie wir alle im Kern unseres Wesens gleich sind, wir alle sozusagen aus „Sternenstaub“ bestehen! Und das sind wir, wortwörtlich: Wir bestehen aus genau den gleichen Partikeln wie die Sterne/Sonnen, die Planeten, die Pflanzen, die Steine, die Tiere, jede und jeder einzelne von uns, nur in einer anderen Form zusammengesetzt!

Mir geht es darum das Recht jeder/jedes Einzelnen zu unterstützen, sie oder er selbst zu sein und ihr/sein tiefstes Inneres zum Vorschein zu bringen und auszudrücken.

Ich glaube an Gleichberechtigung, an gleiche Rechte für alle. Ich glaube nicht an Gleichheit/dass wir alle gleich sind, denn wir haben alle so unterschiedliche Formen und Größen und Farben, aber wir alle haben den gleichen Wert, sind gleichwertig. Und ich möchte, dass die Merkmale des Weiblichen (wie Weichheit, Hingabe, das Ausdrücken von Gefühlen) in Männern, Frauen und nicht-binären Menschen ihren rechtmäßigen Platz in dieser Welt einnehmen dürfen, dass sie als genauso wichtig gelten wie die Merkmale des Männlichen (wie Struktur, Aktivität, Impulse) in uns. Ich möchte nicht das eins über das andere „herrscht“ (genauso wenig wie ich möchte das Frauen/sich als Frau verstehende Menschen, Männer/sich als Mann verstehende Menschen oder non-binäre Menschen über die anderen herrschen). Ich möchte, dass sie gleichermaßen anerkannt und respektiert und wertgeschätzt werden, mit Zeiten in denen eine Seite stärker hervorsticht als die andere, weil ihre Qualitäten in dem Moment gebraucht werden. Manchmal bedarf es Handlung (männlich), manchmal ist es wichtiger sich auszuruhen (weiblich) – ein ewiger Tanz zwischen beiden Qualitäten, die ineinandergreifen und den Fluss des Lebens hervorbringen. Wenn wir lernen wie wir diese beiden Gegensätze in uns verbinden, können wir neue Strukturen schaffen, die eine Welt ermöglichen, in der jede und jeder von uns für ihren/seinen persönlichen Beitrag zum Ganzen wertgeschätzt wird.

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen,
durch die sie entstanden sind.

A. Einstein

Was ich an unserer heutigen Gesellschaft kritisiere, ist das stark patriarchalisch geprägte System und Denken, in dem weibliche Qualitäten als untergeordnet gelten; ein System, das stark auf männliche Qualitäten ausgerichtet ist (und diese finden sich nicht nur in Männern, sondern in allen Lebewesen) und sich auf Wettbewerb, auf „höher, schneller, weiter“, auf Pflichten, auf Kontrolle und Dominanz, auf kontinuierliches Wachstum und Verbesserung konzentriert, ohne jemals das Bedürfnis und die Notwendigkeit von Ruhe/Ausruhen und Wertschätzung der (eigenen und fremden) Errungenschaften zu respektieren; ein System, das uns dazu bringt eine Seite von uns abzulehnen und zu verleugnen und eine Trennung in unserem Inneren zu schaffen – daher denke ich, dass das Annehmen aller unserer Qualitäten und Eigenschaften unser Ziel sein sollte, selbst wenn diese manchmal unangenehm, unbequem oder schwer in uns selbst zu akzeptieren sind.

[Und ich möchte mich selbst hier keinesfalls herausnehmen. Auch ich bin Teil dieser Gesellschaft und habe bestimmte Denk- und Verhaltensweisen übernommen ohne sie jemals zu hinterfragen. Auch ich suche kontinuierlich nach Möglichkeiten mich selbst oder meine Umwelt zu verbessern und vergesse oftmals, das Schöne im Moment wahrzunehmen und mich daran zu erfreuen. Auch ich gönne mir selbst oft wenig bis keine Ruhe, weil ich denke, dass „produktiv sein“ erstrebenswert ist und Ruhepausen Faulheit und Rückschritt bedeuten. Auch ich versuche meine sensible und verletzliche Seite wegzudrücken, sie nicht vor anderen zu zeigen, um keine Angriffsfläche zu bieten. Und so trage auch ich dazu bei, dass dieses System in mir und anderen aufrechterhalten wird. Und gleichzeitig bin ich auf meinem Weg ebenso dabei diese Strukturen zu erkennen und neue, heilsamere Denk- und Verhaltensweisen in mir aufzubauen, um mich nicht mehr abgeschnitten von mir selbst zu fühlen.]

Der Grund, warum ich das Weibliche an diesem Punkt in unserer Geschichte als die heilende Kraft betrachte, ist, weil wir schon so lange in diesem Ungleichgewicht leben. Die weiblichen Qualitäten wurden und werden oftmals missachtet und abgewertet, dabei ist es so wichtig für uns, sie anzuerkennen, diese Aspekte von uns anzunehmen, damit wir uns wieder GANZ FÜHLEN können, verbunden – wir sind nicht kaputt oder unvollständig, aber wir fühlen uns oft so. Wir haben Teile von uns abgespalten, sie missachtet und abgewertet (anstatt ihnen Mitgefühl entgegenzubringen), weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass diese Aspekte nicht willkommen waren, sie nicht gut aufgenommen wurden. Oder vielleicht haben wir sie einfach vergessen, weil andere Eigenschaften in dem Moment wichtiger für unser Überleben oder unseren Weg waren.

Und es ist an der Zeit diese Aspekte ausfindig zu machen, sie anzuschauen, ihnen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen und zu lernen sie als Teil unserer selbst anzunehmen, damit wir uns wieder vollständig und ganz fühlen. Oder uns einfach wieder an sie zu erinnern und ihnen in unserem Leben wieder ein bisschen mehr Raum zu geben, sie zu stärken. Denn ich glaube ganz fest daran, dass jede und jeder von uns alle Antworten bereits in sich trägt. Wir müssen sie nicht irgendwo außerhalb von uns suchen, müssen nicht darauf warten, dass sie uns finden oder dass jemand anders sie uns gibt. Ich glaube, dass alles, was jemand für ein erfülltes und glückliches Leben braucht, in ihr/ihm zu finden ist – und wir sollten endlich anfangen unserer inneren Autorität mehr zu vertrauen und uns mit der Vorstellung anfreunden, dass nur wir selbst jemals Experte für unser eigenes Leben sein oder werden können.

Indem wir unseren eigenen inneren Wegweiser klar identifizieren, uns selbst um die Erfüllung unserer Bedürfnisse kümmern und darauf vertrauen, dass andere vollkommen fähig sind, das für sich selbst ebenso zu tun, können wir vielleicht etwas in dieser Welt verändern. Denn ich kann fühlen, dass wir alle verbunden sind und wenn sich bei etwas oder jemandem in diesem System etwas verändert, wird sich diese Veränderung unweigerlich ausbreiten und sich letztendlich auf das Ganze, das Kollektiv, auswirken.

Sei du selbst die Veränderung, die du dir für diese Welt wünschst

Mahatma Gandhi